Depeche Mode prassen mit neuem Spielzeug, um sich einen Platz auf dem Sexy-Zeiten-Mischband zu sichern
Seit fast 30 Jahren verwischt Depeche Mode's dunkler Synthpop die Grenze zwischen Leidenschaft und Perversion.
Wer ist nicht zu "Master and Servant” oder “I Feel You” ausgeflippt? Sogar Teenykönigin Hilary Duff hat sich kürzlich
den Monster-Hook (Riff) aus "Personal Jesus" rausgegriffen, um im Song "Reach Out" den Eintritt in ihre Weiblichkeit zu erklären.
"Ich habe die Erlaubnis dazu gegeben," sagt DM's Haupt-Songschreiber und Multi-Instrumentalist Martin Gore. "Es war ziemlich harmlos."
Aber wie wollen er, Sänger Dave Gahan und Keyboarder Andrew Fletcher eine neue Generation mit Sample-fertigen Anschluss-Hits beliefern?
Indem sie sich an das halten, was sie wissen. "Wir fürchten Veränderung," sagt Gore, während er darauf beharrt, dass ihr zwölftes
Studioalbum "genauso bedeutsam für Fans sein wird, wie Violator," das mehrfach mit Platin ausgezeichnete Album von 1990, das der Zündfunke
für eine ausverkaufte Stadion-Tour war.
"Dieses übergreifende Album fügt sich in die Reihe der letzten Alben ein - es ist eine Art Verschmelzung," sagt Gore, der den Mischmasch
zum Teil darauf zurückführt, dass den Mode-Männern wertvolles Spielzeug aus Jahrzehnten zur Verfügung steht.
"Die Demos habe ich auf dem Laptop gemacht. Das geht wirklich schnell und hält dich frei, so dass du nicht rumrennen musst,
um Sachen einzustöpseln." Er hatte 18 Songs (Gahan hat vier geschrieben), als sie ins Studio gingen, wo er die analoge Synthie-Sammlung
von ihm und Produzent Ben Hillier anzapfen konnte. Und Gore vermutet, dass er "so gut wie jede Drum-Maschine, die jemals hergestellt wurde,"
für den Gebrauch auf dem neuen Album gekauft hat, das alles aufweist, von live eingespielten und gesampelten Drumsounds
bis hin zum wummernden 808-Bass.
Gore hat auch etwas Gitarre eingespielt, und er und Gahan haben viel Zeit aufgewandt, um Gesangsharmonien mit Hall zu versehen.
Bezüglich der Texte "gab es kein besonderes Thema, aber es gibt eine spirituelle Aura um sie - ich neige dazu, das oft zu behaupten,
wenn wir Platten rausbringen, doch dieses Mal ist es mehr so," gibt er zu. "Wir schreiben nach wie vor immer noch ein und denselben Song,
nur mit jedesmal einem anderen Deh und hoffen, dass das niemand bemerkt."
Danke für die freundliche Genehmigung, das Interview hier zeigen zu dürfen.
"Meine Seele war wund"
Schönes Gespräch mit Dave Gahan
und Martin Scholz
Depeche Mode-Sänger David Gahan über Angst auf der Bühne,
die Entfremdung von seinen Kindern und die Kunst, die Massen zu berauschen :
Gut sehen Sie aus, Mr. Gahan.
Danke.
Als wir uns das letzte Mal sprachen, wirkten Sie etwas mitgenommen.
Sie hatten gerade Ihre Heroinsucht überwunden, einen Selbstmordversuch hinter sich –
und wollten wieder auf Tournee gehen.
Das ist aber schon etwas länger her.
Etwa zehn Jahre.
Ich hatte damals eine schlimme Zeit hinter mir.
Die ersten Auftritte der folgenden Tournee fand ich sehr bedrückend.
Ich hatte richtig Angst.
Angst zu versagen?
Ich hatte Angst, erstmals wieder komplett nüchtern auf die Bühne zu gehen.
Ich hatte damals gerade mit dem Trinken aufgehört, seit sechs Monaten keine Drogen mehr genommen.
Aber meine Seele, mein Körper waren – wie soll ich sagen – immer noch wund.
Rockstars und Drogen – ein ewiges Thema. Warum eigentlich?
Weiß ich auch nicht. Wenn ich mir selber nicht immer im Weg stehen würde,
wäre mein Leben fantastisch (lacht). Sehen Sie, ich bin ohne Vater aufgewachsen.
Meine Mutter hatte nicht viel Geld, sie hat sich durchgekämpft. Man kann nicht gerade sagen,
dass ich die besten Schulen besucht hätte. Aber meine Mutter hat ihr Bestes gegeben,
meine drei Geschwister und mich großzuziehen. Sie hatte immer mehrere Jobs und dennoch schaffte sie es,
dass an jedem Abend das Essen für uns auf dem Tisch stand. Es war immer alles sauber,
es hat uns an nichts gemangelt. Aber wir hatten nicht viel. Meine Mutter hat einen guten Job gemacht.
Mutter sein – das ist der härteste Job überhaupt. Inzwischen bin ich selbst Vater von drei Kindern
und kann viel mehr schätzen, was sie für uns getan hat.
Sie hat Sie stark gemacht, sich schon als junger Mensch vor Tausenden von Zuschauern zur Schau zu stellen?
Das hat sie. Immer wenn ich mich heute mit meiner Mutter treffe, bedanke ich mich dafür bei ihr,
vor allem für das Verständnis, das sie mir entgegengebracht hat.
Demnächst werden Sie wieder allabendlich vor 60.000 und mehr Menschen auftreten.
Haben Sie inzwischen Routine in der Kunst der Massenbeschwörung?
Nein, Routine ist es nie. Ich bin vor allem am Anfang einer Tournee immer sehr nervös.
Im weiteren Verlauf kann ich mich dann besser auf den Auftritt konzentrieren, diese Nervosität überwinden.
Aber das kostet mich viel Kraft. Ein Rock-Konzert ist natürlich in gewisser Weise immer eine Ego-Show.
Auf der Bühne gebe ich immer alles. Das muss man einerseits mögen,
gleichzeitig darfst du dich nicht zu wichtig nehmen, sonst stürzt du irgendwann in diesen Abgrund.
Auf der letzten Tour war ich drei ganze Monate von meiner Familie, von meinen Kindern getrennt.
Darunter habe ich sehr gelitten. Einmal hatte ich meine siebenjährige Tochter am Telefon.
Sie hatte es gründlich satt, dass ich so lange weg war. Irgendwann fragte sie mich:
"Wie oft muss ich noch schlafen, bis du wieder da bist?" Ich sagte: "Noch 48 Mal!"
Für ein Kind eine Ewigkeit.
Ja, sie hat sich von mir zurückgezogen. Das hat mir das Herz gebrochen.
Nach der Tournee haben wir als Familie eine lange Zeit gebraucht, um wieder zusammenzufinden.
Ich will die Verbindung zu meiner Familie nicht verlieren. Das wäre ein zu großes Opfer für mich,
das würde ich nicht machen. Weil ich aus meiner Familie meine Lebensenergie ziehe,
ohne sie könnte ich solche mehrmonatigen Tourneen gar nicht mehr machen.
Andere Kollegen nehmen ihre Kinder einfach mit auf Tournee, wäre das für Sie keine Option?
Normalerweise gehen sie in die Schule. Aber manchmal, während der Ferien, begleiten sie mich.
Und was sagen Ihre Kinder, wenn sich der Papa vor 60 000 Zuschauern in einen Zampano
mit nacktem Oberkörper verwandelt, der die Massen mit Erlöserposen auf seine Musik einschwört?
Meine neunjährige Tochter mag das nicht wirklich. Sie sagt oft, ich sei dann gar nicht mehr
wie der Vater, den sie kennt. Aber kürzlich sagte sie dann: Jetzt will ich auch Musik machen.
Sind Sie darüber erfreut oder erschrocken?
Ich werde sie darin unterstützen, so gut ich kann. Wenn sie es denn wirklich will.
Sie ist ja erst neun. Ich möchte vor allem, dass sie sich sicher und geborgen fühlt.
Ich selbst kannte das als Kind nicht. Was jetzt nicht die Schuld meiner Mutter war.
Aber dieses Gefühl nicht wirklich dazuzugehören, scheint einfach in mir drinzustecken.
Ich habe 46 Jahre gebraucht, bis ich sagen konnte: Ich bin zufrieden mit mir. Meistens jedenfalls.
Wenn Sie auf der Bühne sind, ahmen Tausende von Zuschauern jede Ihrer Bewegungen nach.
Gibt Ihnen das Zufriedenheit?
Dabei geht es ja nicht wirklich um mich. Es ist eher ein Gemeinschaftserlebnis,
die Leute wollen ein Teil von diesem großen Ganzen sein.
Aber Sie sind der Auslöser. Empfinden Sie da manchmal so etwas wie Allmacht?
Nein, das habe ich nie empfunden. Wenn schon, ist es eher ein Gefühl von Verantwortung.
Die Zuschauer, die Band, ich, wir sind alle Teil eines Puzzles, eines Zustands, einer Energie,
die für zwei Stunden freigesetzt wird. Es schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Seltsam, dass Sie im Zusammenhang mit dem kollektiven Rausch die Ratio ins Feld führen
und die Verantwortung betonen.
So empfinde ich es aber. Ich kann mich nicht gehen lassen. Ein anderes Beispiel:
Mein Verstand mag mir manchmal sagen, dass ich zu müde bin,
dass ich das Konzert unmöglich durchstehen kann, beispielsweise, weil meine Stimmbänder schmerzen.
Wenn ich dann nicht gegensteuere, glaube ich am Ende selbst, dass ich es nicht schaffe.
Das kann ich mir nicht erlauben.
Und wenn das Publikum mal nicht so reagiert, wie Sie es erwarten oder gewohnt sind?
Mick Jagger hat mit uns mal über solche Momente der Enttäuschung gesprochen.
Er sagte, dass er dann auf der Bühne wie ein Blöder rackern müsste,
damit die Energie nicht verpufft.
Das kenne ich. Solche Talsohlen fordern einen enorm, es ist eine Riesenanstrengung,
ein zurückhaltendes Publikum mitzureißen. Jagger ist mal gefragt worden, ob er nach so einem Konzert
mit Kollegen einen trinken gehen würde. Er war völlig außer sich: "Wie bitte? Haben Sie nicht gesehen,
was ich da auf der Bühne mache?! Sie denken ernsthaft, ich könnte mich nach so einem Auftritt
noch in einen Club setzen und mich betrinken? Vor einer Tournee stehe ich jeden Morgen früh auf,
jogge acht Kilometer, um mich fit zu halten." Mir geht es genauso.
Gleichzeitig darf man die Vorbereitung auch nicht übertreiben und so verbissen trainieren,
dass man am Ende die Show überhaupt nicht mehr genießen kann. Man muss die Energie
aufrechterhalten und trotzdem Spaß haben.
Ein Balanceakt.
Und wenn dann nach der letzten Zugabe der Stecker rausgezogen wird –
wie bauen Sie das Adrenalin heute ab, wenn Drogen nicht mehr in Frage kommen?
Wir sitzen meistens noch eine Viertelstunde in der Garderobe zusammen.
Wir flachsen ein bisschen über die Show: "Hast du das Mädchen mit dem Banner gesehen?
Ja, hab ich." So was halt. Dann möchte ich meistens allein bleiben.
Enjoy the silence?
Sie sagen es: Es gibt nichts, was ich in diesem Moment mehr genieße als Stille.
Ich fahre zurück ins Hotel, nehme eine heiße Dusche, esse was, entspanne mich.
Meistens kann ich zu dem Zeitpunkt ohnehin kaum mehr die Augen offen halten.
Das Adrenalin rauscht zwar immer noch wie ein Schnellzug durch meinen Körper,
aber ich will dann meist mit niemandem mehr sprechen, einfach nur meine Batterien wieder aufladen.
Ein Konzert ist eben ganz anders als Studioaufnahmen. Im Studio hat man alle Zeit der Welt,
ständig über alle möglichen Details nachzudenken. Auf der Bühne hat man keine Zeit,
sich diese Gedanken zu machen. Wenn wir vor 60 000 Leuten spielen, passiert da etwas.
Etwas, das größer ist als wir selbst, und das nichts mit vermeintlichen Ego-Problemen innerhalb
unserer Band zu tun hat, die man uns immer wieder angedichtet hat:
Ob ich mich gräme, wenn ich nicht genug von meinen eigenen Songs auf die neue CD bringe
und so weiter und so fort.
Mr. Gahan, Sie sind jetzt mit Depeche Mode auch schon seit 25 Jahren im Geschäft.
Sehen Sie sich in 20 Jahren immer noch so über die Bühne wirbeln, wie Sie es jetzt machen?
Die Zeit gewährt uns allen keinen Aufschub. Aber klar frage ich mich manchmal:
Werde ich das noch in zehn Jahren machen? Wenn es mir immer noch möglich sein sollte,
wenn ich es dann überhaupt noch will – wunderbar! Als ich noch in der Schule war, dachte ich,
ich würde mein ganzes Leben lang Teller abwaschen. Ich war nicht sehr gut in der Schule, überhaupt nicht.
Die meiste Zeit starrte ich nur aus dem Fenster und wartete darauf, dass das Leben losginge.
Dass endlich etwas passiert. Im Klassenzimmer jedenfalls fand kein Leben statt, nicht für mich.
Die Lehrer fragten mich ständig: "Was ist so interessant da draußen, Gahan?" Ich dachte nur:
"Jedenfalls ist es interessanter als alles, was hier drinnen passiert." Ich wusste nicht, was ich machen sollte,
ich wusste nur, ich musste losziehen und es suchen. Ein Teil von mir lebt noch heute so,
ich bin sehr offen und neugierig geblieben. Und heute freue ich mich, zu beobachten,
wie sich meine Kinder entwickeln. Ich frage mich, wie ihr Leben wohl verlaufen wird,
wie es wohl sein wird, wenn sie selbst einmal Kinder haben?
Die großen Fragen des Lebens. Die wurden bei Depeche Mode ja schon behandelt,
als Sie anfangs wegen Ihres popperhaften Aussehens noch als Teenie-Band vermarktet wurden.
Dabei ging es selbst in frühen Songs wie "People Are People" immer um Sinnsuche:
Wer sind wir, wo kommen wir her, was glauben wir?
In der Hinsicht hat sich nichts geändert, das kann ich Ihnen sagen,
auf dem neuen Album ist das auch nicht anders.
In einem Ihrer neuen Songs sehnen Sie sich nach "Peace", im Song "Wrong" prangern Sie an,
was falsch ist an der Zeit, in der wir leben.
Sind das sinnstiftende Einwürfe in Zeiten von Finanzkrisen und Umbrüchen?
Wenn Sie so wollen. Relevante Kunst hat sich immer mit solchen Fragen beschäftigt:
Was ist richtig, was ist falsch, warum bin ich hier? Liebes-Songs gibt es nun wirklich wie Sand am Meer:
"I love you, you love me" – das war nie unser Ding. Wenn wir über Liebe singen, kommen immer schnell die düsteren,
obsessiven Seiten mit ins Spiel. Und wir alle sehnen uns nach einer Form von Religion oder Spiritualität.
Wir suchen nach etwas, mit dem wir uns identifizieren können, um uns mit der immer verwirrender werdenden Welt
verbunden fühlen zu können. "Peace" beschreibt diese Sehnsucht nach Frieden,
"Wrong" das ganze Gegenteil davon. Das sind eben Dinge, die einem durch den Kopf gehen,
wenn man Kinder hat. Man fragt sich: Was ist das für eine Welt, in die ich sie hineingebracht habe?
Gespräch mit Dave Gahan
und Martin Scholz



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